Furcht vor Polio-Einschleppung?

(dgk) Nach WHO-Berichten sind im Oktober 2013 in Syrien erstmals nach 1999 wieder Poliomyelitis- Fälle aufgetreten. 17 Krankheitsfälle gelten als bestätigt (Stand: 31.12.2013). Als Hauptursache werden die aufgrund der Bürgerkriegssituation in Syrien seit 2011 deutlich zurückgegangenen Impfquoten gegen Polio gesehen. Viele Tausende Neugeborene sind wegen des Krieges nicht oder nicht ausreichend gegen die Polio-Viren geimpft worden.

Nachbarländer fürchten nun die Ausbreitung der Seuche durch Flüchtlinge, und auch hierzulande wächst die Unsicherheit. So haben diesbezügliche Fragen die Impfexperten des Deutschen Grünen Kreuzes e. V. erreicht. Um ein realistisches Bild über die Möglichkeiten einer Polio-Einschleppung zu erhalten, sollte man folgendes wissen[1]:

Die überwiegende Anzahl der aktuell in Syrien an Polio Erkrankten ist jünger als 2 Jahre alt und war nicht bzw. nicht vollständig geimpft. Insbesondere Kinder unter 3 Jahren (d. h. nach 2010 geboren) stellen also laut Robert Koch-Institut (RKI) eine Risikogruppe dar. Diejenigen, die als sogenannte Kontingentflüchtlinge von Syrien nach Deutschland kommen, halten sich laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) aktuell im Libanon auf. Dem RKI liegen Informationen vor, das die syrischen Kinder am dortigen Impfprogramm teilnehmen. Außerdem werden Kinder unter 5 Jahren in einer aktuellen WHO/UNICEFKampagne mit oraler Polio-Vakzine (OPV) geimpft.

Entsprechend der aktuellen STIKO-Empfehlungen und des Asylbewerberleistungsgesetzes soll bei allen Flüchtlingen und Asylbewerbern bei Ankunft in Deutschland grundsätzlich eine Impfstatuskontrolle und ggf. die Nachholung oder Vervollständigung fehlender oder unvollständiger Impfungen erfolgen.

Von allen nach 2010 geborenen syrischen Kindern, die neu in eine Asylbewerberaufnahmestelle in Deutschland aufgenommen werden, soll eine Stuhlprobe auf Poliovirus untersucht werden, um eine aktive Virusausscheidung auszuschließen.

Auch hierzulande kann man sich nicht zurücklehnen

Angst vor einer Einschleppung braucht niemand zu haben, wenn die Durchimpfungsraten der Bundesbürger hoch genug sind. Erhebungen im Rahmen der Schuleingangsuntersuchung aus dem Jahr 2011 zeigen eine Durchimpfungsrate bei Schulanfängern von 94,5 Prozent in den alten Bundesländern und 96,3 Prozent in den neuen Bundesländern (Gesamt: 94,7 Prozent).[2] Bei den Erwachsenen sieht die Durchimpfungsrate nicht ganz so gut aus: Gegen Poliomyelitis sind nur 85,6 Prozent der Erwachsenen geimpft, wie die Ergebnisse einer Studie des Robert Koch-Institutes zeigen.[3] Ihnen fehlen vor allem die Auffrischimpfungen. Das ist ein Problem, denn laut WHO muss man davon ausgehen, dass eine Bevölkerung nur dann wirksam vor durch Impfungen vermeidbaren Krankheiten geschützt ist ("kollektive Immunität"), wenn etwa 95 Prozent ihrer Mitglieder geimpft sind.[4]

Wir sollten also die aktuellen Vorkommnisse zum Anlass nehmen, die Durchimpfungsraten hierzulande zu optimieren und damit ein Einschleppen der Kinderlähmung zu verhindern.

Quellen:

(1) Poliomyelitis-Fälle in Syrien - Gefahr der Einschleppung nach Deutschland, Empfehlungen des Robert Koch-Institutes, 25.11.2013
(2) Impfquoten bei der Schuleingangsuntersuchung in Deutschland 2011, Epidemiologisches Bulletin, 22. April 2013 / Nr. 16
(3) Impfstatus von Erwachsenen in Deutschland / Ergebnisse der Studie zur Gesundheit Erwachsener Weitere Informationen zu Polio finden Sie auf unserer Homepage: http://dgk.de/gesundheit/impfen-infektionskrankheiten/krankheiten-von-a-bis-z/polio.html in Deutschland (DEGS1) in: Bundesgesundheitsbl 2013 · 56:845-857, DOI 10.1007/s00103-013- 1693-6, Online publiziert: 27. Mai 2013
(4) http://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0010/141859/Seven_Key_ReasonsG.pdf

 Weitere Informationen zu Polio finden Sie auf unserer Homepage:
http://dgk.de/gesundheit/impfen-infektionskrankheiten/krankheiten-von-a-bis-z/polio.html